Immer noch gibt es jene Menschen,

die auf ihren Äckern mit eisernen Kanonen pflügen,

bleierne Kugeln säen und sich wundern,

wenn darauf wiederum nur steinerne Kreuz stehen.

Ich war 15 Jahre alt, als ich dieses Gedicht geschrieben habe. Das war im Jahr 1983 und ich fühlte mich damals als Teil der „No-Future-Generation“, die in einer Zeit ständiger atomarer Aufrüstung der beiden Militärbündnisse im Westen und Osten aufwuchs. Ich kann mich noch gut an den Sticker der Friedensbewegung erinnern, der für Abrüstung eintrat und den ich auf meine Schultasche geklebt hatte.

Neben der Angst vor dem Ausbruch eines neuen (Atom-)Krieges war ich damals als Jugendlicher gegen alles Althergebrachte. So stritt ich mich mit älteren Verwandten über die Zeit des Nationalsozialismus, über Täter:innenschaft und Mitläufer:innentum: „Was soll das heißen, ihr habt damals nichts gewusst? Ich soll euch glauben, ihr hättet damals nichts dagegen machen können?“

Auch in den folgenden Jahrzehnten ließ mich das Thema des Nationalsozialismus nicht los und ich führte immer wieder mit Zeitzeug:innen Gespräche zu Überzeugungen, Opportunismus, Verfolgung, Widerstand und Krieg.

Eindrücklich im Gedächtnis blieb mir eine Gesprächsrunde mit Zeitzeug:innen in den 1990er-Jahren. Darunter befanden sich die einstige Widerstandskämpferin Maria Caesar sowie Irmgard Horn, die in selbstkritischer Weise über ihre Jugendzeit als BDM-Führerin in Graz reflektierte.

In der Runde erinnerte sich ein Oststeirer mit Grauen an seine Erlebnisse an der Ostfront zurück, etwa wie ein Vorgesetzter einen sowjetischen Kriegsgefangenen kaltblütig von hinten erschoss. Im Gegensatz dazu schwärmte ein anderer, wie sehr er sich schon als Jugendlicher über das ihm überreichte Messer der SA gefreut hätte. Und dass er noch in den letzten Kriegswochen nächst der steirischen Grenze einen jungen slowenischen Deserteur festgenommen hätte. Als wir ihn erschrocken fragten, wie er das denn nun  –  im Nachhinein –  sehe, da meinte er in etwa: „Ich würde es nicht anders machen. Wofür man mich hingestellt hatte, da war ich aktiv!“ Noch viele Jahre lang war er in meinen Antirassismus-Schulworkshops unter dem Titel „Was ist Hitler?“ mein Paradebeispiel für die Gefährlichkeit solcher anerkennungsbedürftigen Mitmacher, die angeblich ja nur Befehle ausführen.      

Inverting Battlefields

Im XENOS-Projekt „Inverting Battlefields“, das von Maryam Mohammadi, Naya Castillo und mir konzipiert und in Kooperation mit dem Institut für Kunst im öffentlichen Raum Steiermark umgesetzt wurde, widmeten wir und unsere Partner in Slowenien, Kroatien, Serbien, Bosnien-Herzegowina und Mazedonien uns auf künstlerische Weise den kriegerischen Ereignissen des 20. Jahrhunderts bei uns und unseren südöstlichen Nachbarsstaaten.   

 

Bei unserer abschließenden Gruppenausstellung intervenierten Künstler:innen im öffentlichen Raum im Jahr 2018 an verschiedenen Orten im oststeirischen Feldbach, eine Stadt mit einer bewegten Geschichte in den letzten Kriegswochen des Zweiten Weltkriegs und einer teilweise bedenklichen Denkmalkultur (darüber mehr in einem weiteren Beitrag). 

Von den künstlerischen Arbeiten in Feldbach möchte ich einige herausgreifen:  

Der Platz rund um das Busbahnhofsgebäude wurde 2014 nach der österreichischen Pazifistin und Feministin Bertha von Suttner benannt. Ihre Überzeugung und visionäre Positionierung gegen den Einsatz von Massenvernichtungswaffen wurde 1905 mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet. In ihrem Werk Die Waffen nieder! drückte Naya Castillo die Schrecken des Krieges aus. Sie nutzte diesen immer noch notwendigen Aufruf als Inspiration, um das Busbahnhofsgebäude in eine weit sichtbare Hoffnung auf Frieden zu verwandeln und der Namensgeberin des Platzes eine Stimme zu verleihen.

Erfrischend kritisch und respektlos ging der Künstler Karl Karner mit dem Denkmal für den nationalen und antisemitischen Ideologen Friedrich Ludwig Jahn im Feldbacher Stadtpark um. „Was sind Denkmäler, aus welcher Veranlassung wurden sie von wem errichtet, welche Bedeutung haben sie als festgesetzte Erinnerung für wen und wie lange?“

Bei seiner Installation und Performance begegnete er dem Heldenmythos in Form eines dauerhaft aufgestellten Monuments aus schwerfälligem Material, das sich so dauerhaft in die Geschichte einschreibt mit  Flüchtigkeit und Vergänglichkeit. Mit Blick auf steinerne Denkmäler, die keinen Frieden erzeugen, entwickelte er gemeinsam mit Schüler:innen „miniaturhafte Skulpturen und performative Setzungen als Gesten der Leichtigkeit und des Verschwindens, als Zeichen verzeihenden Vergessens, um Platz für eine bewusste und zeitgemäße Auseinandersetzung und damit einen neuen Denkmalbegriff zu schaffen.“

Am Soldatenfriedhof Mühldorf bei Feldbach, wo sich Grabmäler und Erinnerungszeichen von über 2.500 Opfern aus den beiden Weltkriegen und verschiedenen Staaten finden, setzte die kroatische Künstlerin Nika Rukovina ein Zeichen, um „aus der Geschichte zu lernen und sie niemals mehr zu wiederholen.“

Um zu betonen, dass die Unterschiede, die uns Menschen in unseren Leben trennen, mit unserem Tod verschwinden und wir uns verwandeln, und neue Wurzeln schaffen, bemalte sie am Friedhof die erdnahen Bereiche der Baumstämme und sichtbaren Baumwurzeln mit Blattgold.

Im Tabormuseum, mit seiner unkritischen Ausstellung die Zeit der NS-Diktatur und des Zweiten Weltkriegs, neben einer hübsch drapierten Wehrmachtsuniform und ästhetisierend verharmlosend der Größe nach aufgestellten Artilleriegeschossen präsentierte das Künstlerinnenduo RESANITA ihr Video, in dem sie mit Detektoren, Scannern und Röntgengeräten Bäume untersuchte, die von Granatsplittern und Geschossteilen getroffen waren, „ihr Wachstum fortsetzten, die jene Geschichte überwuchsen, ummantelten und gleichzeitig als sprachlose Zeugen speicherten.“ Ergänzend zu diesen stummen Zeugen erinnerte sich im Video einer der letzten Zeitzeuginnen – Maria Gregl – an das Grauen des Kriegs.

Von mir, Joachim Hainzl, schließlich gab es am Tabor-Platz und vor der „Gedächtniskirche“ die Installation „NIE WIEDER KRIEG!“, auf dem mein eingangs zitiertes Gedicht aus Jugendzeiten vor dem Hintergrund der Grabsteine des Feldbacher Soldatenfriedhofes in Mühldorf zu lesen war.

Schon damals fragte ich mich: „Was macht jemanden zum Helden? Und warum sind wir stolz darauf, jenen aus unserer Geschichte steinerne Denkmäler zu setzen, die mit anderen in Feindschaft gelebt und im Namen menschenverachtender Ideologien gekämpft und getötet haben? Welche Werte wollen wir nachfolgenden Generationen damit mitgeben? Die Interpretation der Geschichte bleibt eine immerwährende Baustelle, die nie beendet sein kann. Mit der Installation werden jene Denkmäler, die fragwürdige Helden des Ersten und Zweiten Weltkrieges in verehrender Erinnerung hochhalten, für einige Monate aus dem Blickfeld in den Hintergrund gedrängt. Stattdessen wird einem Nachdenken über die Sinnlosigkeit von Menschenschlachten und dem Wunsch nach einer Kriegerlosen Zukunft Platz und Raum geben.“

Alle von mir damals verdeckten Denkmäler sind wieder sichtbar. Lediglich im virtuellen Raum konnte ich bis heute meine Spuren hinterlassen.

Joachim Hainzl

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