Was bleibt vom Krieg?

Mehr Opfer.
Mehr Gräber.
Mehr Armut.
Mehr Denkmäler.
Mehr psychische Krankheiten.
Mehr Waffenfabriken.
Mehr heroische Wandgemälde.
Mehr zerstörte Häuser.
Mehr verdrängte Erinnerungen.
Mehr geraubte Kindheiten.
Mehr beschädigte Biografien.

Ja, auch meine Biografie!

Was tun mit einer Kindheit, die man sich nicht ausgesucht hat?
Wie sollen wir uns alle von unseren dunklen Erinnerungen

an diese Zeiten des Krieges befreien können?

Eine Zeit, die nicht von Spielen geprägt war, sondern von der Angst

vor dem Schrei der warnenden Sirenen,

vor dem Brummen der Bomber über unseren Köpfen,

oder vor dem lauten Krach der Flugabwehr. Immer noch macht jedes Feuerwerk Angst, jedes Gewitter, jedes laute Flugzeug über mir, über uns – deren Kindheit im Schatten des Krieges lag.










Auch jetzt noch, obwohl wir erwachsen sind, kommen sie zurück –

diese Fragmente, diese Splitter.
Ungeordnet, unvollständig, unkontrollierbar und immer noch schmerzvoll.

Oft sind es nur Klänge, nur Farben.
Rot und Weiß. Rot bedeutete Alarm. Weiß bedeutete Entwarnung.

Wir Kinder fuhren mit dem Fahrrad, lachten und spielten mit unseren Freundinnen und Freunden –
doch immer lauerte der Moment, in dem der rote Alarm ertönte.
Dann ließen wir sofort alles zurück: Unser Spielzeug, unsere Fahrräder, unser Lächeln.
Wir rannten in die Schutzräume.

Dort träumten wir davon, unseren kindlichen Alltag möglichst bald weiterleben zu können













Wenn nur bald der weiße Alarm käme,
dann könnte ich mit meiner Freundin weiterspielen,

oder zumindest versuchen, es zu tun.

Denn damals, an diesem Tag war alles anders.

Acht Jahre dauerte schließlich der Krieg zwischen Iran und Irak.
Acht Jahre, in denen Krieg nicht die Ausnahme war, sondern unser Alltag.

Kampfflugzeuge überflogen täglich den Himmel.
Ihr Lärm war die akustische Tapete unserer Kindheit.
Das Radio lief ständig.
Der Gebetsmarsch war unser täglicher Morgenmarsch in der Schule.

Das staatliche Fernsehen zeigte Tote, Verwundete, lächelnde Soldaten

und Mütter, die ihre Kinder an die Front schickten –

sie liebevoll darauf vorbereiteten wie für den ersten Schultag.

Man lehrte uns:
Es gibt einen Feind.
Vertraue niemandem.

So wurde unser Denken geformt.
So wurde unsere visuelle Kultur erschaffen.

Und als der Krieg vorbei war –
er ist dennoch sichtbar bis heute.

Er ist eingeschrieben in viele Namen von Straßen und Autobahnen.
Meine Lieblingsgasse mit dem großen Maulbeerbaum –

jetzt ist sie benannt nach einem 15-jährigen „Märtyrer“.

Er ist neben vielen Autobahnen bis heute sichtbar,

Eine eingefrorene Zeit auf riesigen Wandgemälden an den Fassaden der Hochhäuser.

Und das staatliche Fernsehen sendet immer noch.
Nur die Feinde wechseln.

Krieg endet selten mit dem letzten Schuss.
Für viele geht er weiter,

noch lange danach, wenn alles ruhig geworden ist.
Die Kindheit wird hinterfragt.
Das Erinnern tut weh.
Das Vergessen ist unmöglich.

Maryam Mohammadi

Alle Fotografien entstammen aus der Fotoserie über_leben (2023) von Maryam Mohammadi

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