Unsere nächste Station bei noch stark bewölktem Himmel ist Bad Radkersburg. Hier kam es nach dem Ende des Ersten Weltkriegs gegen Ende 1918 zur Besetzung der Stadt durch Truppen des neuen SHS-Staates. Nachdem ein Aufstandsversuch (auch als „Freiheitskampf“ oder „Abwehrkampf“ bezeichnet) im Februar 1919 gescheitert war, kam es schließlich zur Teilung der Stadt. Während Radkersburg auf der linken Murseite zur österreichischen Grenzstadt wurde, kam der am rechten Murufer gelegene Stadtteil Oberradkersburg (Gornja Radgona) zum SHS-Staat. Diese Teilung der Stadt wurde schließlich 1919 durch den Friedensvertrag von Saint-Germain besiegelt. Mit diesem Friedensvertrag[1] verlor Österreich nicht nur die damalige Untersteiermark, sondern auch viele weitere Gebiete der einstigen österreichisch-ungarischen Monarchie. Weiters wurde Österreich der Anschluss an Deutschland und die Staatsbezeichnung Deutschösterreich verboten.[2]
Wir begeben uns zum Hauptplatz, wo der alte Rathausturm[3] mit seinen roten Marmortafeln, deren Inhalte teilweise umstritten sind, unser Ziel ist.


10 Jahre nach dem Kampf gegen die jugoslawischen Besatzer wurden die Tafeln im November 1929, als das Äußere des Turms durch den Tiroler Bildhauer Hans Mauracher (der selbst den Ersten Weltkrieg als Soldat mit erlebte) neu gestaltet wurde, gemeinsam mit dem Frontkämpferdenkmal am neu gestalteten Heldenfriedhof eingeweiht.
Über zwei der Texttafeln blicken uns die Köpfe von Kriegern grimmig an.


Während auf einer Tafel 20 Namen von Gefallenen und zwei Namen von Vermissten des Ersten Weltkriegs angeführt sind, enthält die zweite Tafel Namen jener, die ums Leben kamen, als sie im Februar 1919 „in den Reihen der Freischaren“ standen. Darunter der Text (alle Texte stammen vom Schriftsteller und Bezirkshauptmann Fritz Oberndorfer[4]):
„In wirrer Brandung Gleiten
Da rammtet ihr, ein kühn Geschlecht
Fest in die neuen Zeiten
Ein ewig-altes Menschenrecht.
Das steht im Flutentreiben
Als Markstein kündend klar und stark
Daß Steirer Steirer bleiben
Und Steiermark des Reiches Mark.“

Auf der mittigen Texttafel ist unter dem Titel „An Krieg und Not soll dieses Mal erinnern, an Tat und Dulden um der Heimat Willen“ ein nationales Bekenntnis zum Deutschtum[5] zu lesen:
„Für sie sind die Söhne dieser Stadt in den Jahren
1914 – 1918
hinaus in den Krieg gezogen und haben auf den
Schlachtfeldern in Serbien und in Galizien, in Tirol
und am Karst und in der Adria gekämpft.
Nach dieses Ringens Ende kam am 1. Dezember 1918
über die Stadt fremde Gewalt. – Freischaren versuchten
im Februar 1919 heldenmütig die Befreiung.
Standhaft ertrug Radkersburg die Besetzung
bis es am 20. Juli 1920 wieder die Freiheit gewann
Deutsch zu sein und Deutsch zu bleiben.
Nach solchen Opfern und nach solcher Not
Geb das Geschick uns neuer Ordnung Frieden!
Die Heimat blüh im Reiche unsres Volks
Und freie Enkel mögen ihrer walten
Mit lautrem Sinn und herzhaft klarer Tat,
Getreu dem mahnenden Vermächtniswort
Des Führers der uns ward:
„Seid deutsch – bleibt einig!“
Weiter oben am Turm ist weiters die Bronzefigur des sogenannten „Rufers“ oder „Mahners“ zu sehen, er „stellt die Mahnung an die Gesamtheit des deutschen Volkes dar und ist der Ausdruck der letzten Worte Dr. Kamnikers: ‚Seid deutsch, bleibt einig!‘“[6] , indem er mit „einer Hand auf die Tafeln mit den Namen der Gefallenen zeigt“.[7]
Mehr zum Inhalt und Kontext der Tafeln und der Geschichte der Region erzählt uns David Kranzelbinder, der seit mehreren Jahren das Pavelhaus – Pavlova hiša[8] in Laafeld bei Bad Radkersburg leitet und selbst in der Umgebung von Mureck aufgewachsen ist.



(David Kranzelbinder, 4:17 min)
Vermutlich zeigten sich einige (Bad Radkersburg ist ja auch ein Kurort mit einem Heilbad und vielen Gästen von auswärts) über den deutschnationalen Text und vor allem durch das auf einer Tafel Wort angeführte Wort „Führer“ – mit dem der in der Landesparteileitung der Großdeutschen Volkspartei tätige Bürgermeister Kamniker[9] gemeint ist – verwirrt. So wurde von der Stadt Bad Radkersburg eine Zusatztafel[10] mit einem recht verharmlosenden Text angebracht:

„Die Tafeln sind Teil einer Gedenkstätte, die sich am Bad Radkersburger Stadtfriedhof befindet. Das Denkmal weist auf die Gefallenen des 1. Weltkrieges und des Radkersburger Abwehrkampfes vom 4. Februar 1919 hin und wurde am 2. November 1929 der Öffentlichkeit übergeben. Der Text ist Ausdruck der damaligen Erinnerungskultur. Das Wort ‚Führer‘ bezieht sich auf den Radkersburger Bürgermeister Dr. Franz Kamniker.(1870-1928), der als Mitglied der österreichischen Friedensdelegation die besetzte Untersteiermark bei den Friedensverhandlungen in St. Germain vertrat. Die Tafeln vermitteln keine Nähe zum Nationalsozialismus.“
Dabei war die Enthüllung des „Krieger- und Freiheitsdenkmals“ am 3. November 1929 mit Tausenden Teilnehmer:innen in einer „mit deutschen und steirischen Farben“[11] beflaggten Stadt sehr wohl eine Demonstration der deutschnationalistischen Kräfte, wobei auch Vertreter der NS-Sturmabteilungen mitmarschierten:
„Nach den Einweihungsfeierlichkeiten im Heldenfriedhofe bewegte sich der große, schöne Festzug unter Vorantritt der Deputationsabteilungen der Frontkämpferortsgruppen von Wien, Graz, Linz, Köflach, Salzburg und aus dem Burgenlande, der Heimatschutzverbände, des 26er- und 47er-Bundes (mit Fahnen), der Kameradschaftsverbände, der Turnenwehrzüge, des Alpenländischen Kriegsteilnehmerverbandes, der deutschen Soldatengewerkschaft, der nationalsozialistischen Sturmabteilungen von Steiermark, der Stahlhelmverbände aus Deutschland usw. zum Hauptplatze, wo die Kapelle des Alpenjägerregimentes Nr. 9 die Bundeshymne spielte. Das Regiment selbst mit der Fahne nahm beim Rathausturm Aufstellung. (…) Gemeinderat Simonitsch sprach über den heutigen Gedenktag und gedachte der Heldensöhne, die ihr junges, hoffnungsvolles Leben für ihr heißgeliebtes deutsches Volk geopfert haben. (…) In zündender Rede sprach Direktor Voller (Graz) im Aufträge der Kreisleitung des Deutschen Schulvereines Südmark und sagte u. a. ohne Erhebung der Freiheitskämpfer wäre Radkersburg nie deutsch geworden. (…) Bürgermeister Kaufmann übernahm dann das Denkmal in die Obhut der Stadt.“[12]
Nur wenige Wochen vor der Übergabe der Denkmäler fand in der Stadt eine Versammlung des Heimatschutzes statt, bei dem für den Anschluss an Deutschland geworben wurde: „Das deutsche Volk in Österreich hat es endlich satt, nur Stimmzettel abzugeben und Steuern zu bezahlen: das Volk muss das Recht und die Macht in die Hände bekommen. So lange wir in Österreich den Saustall nicht mit einem eisernen Besen ausgekehrt haben, so lange gibt es keinen Anschluss. Wir wollen in das Reich als gleichberechtigte Männer einziehen.“[13]
David Kranzelbinder, würde sich daher eine stärkere Kontextualisierung des deutschnationalen und antislowenischen Inhalts der Tafeln wünschen:
(David Kranzelbinder, 2:03 min)

Nachdem inzwischen die Sonne heiß hernieder scheint, gehen wir ebenerdig in den kleinen Raum im Inneren des Rathausturms, der – wie eine erklärende Tafel berichtet – in dem der steirische Künstler Fritz Silberbauer 1957/58 eine Gedenkstätte[14] „für die Gefallenen und Verschleppten des 2. Weltkriegs“ gestaltet hat, das Kriegsgräuel in Form von Mosaiken darstellt. „Doch zwei betende Engel wehren die Schlangen des Bösen ab. Sonne und Lebensbaum sind stärker als der Krieg“. In dem hier aufgelegten Buch des im September 1958 unter Anwesenheit des damaligen Verteidigungsministers und steirischen Landeshauptmanns eröffneten Gedenkraumes finden sich die Namen von Gefallenen und zivilen Opfer.[15]

Am Schluss unseres Gesprächs hier am Radkersburger Hauptplatz betont David Kranzelbinder noch die Wichtigkeit der Mehrsprachigkeit als Normalität und des Zusammenlebens von Slowen:innen und Österreicher:innen für die Region und die Steiermark.
(David Kranzelbinder, 1:40 min)




Nach einem kurzen Abstecher zur Marienkirche am Frauenplatz mit ihrer slowenischsprachigen Inschrift geht es mit dem Auto zum nur wenige Minuten zu unserer nächsten Station, dem Sowjetdenkmal.
Joachim Hainzl
[1] Vgl. dazu die Beiträge vom Lokalpolitiker Kamniker in der Tagespost: „Steiermark und die Friedenskonferenz (28.6.1919, https://anno.onb.ac.at/cgi-content/anno?aid=gpt&datum=19190628&query=%22franz+kamniker%22&ref=anno-search&seite=1) und „Der Kampf um Steiermark“ (18.9.1919, https://anno.onb.ac.at/cgi-content/anno?aid=gpt&datum=19190918&query=%22franz+kamniker%22&ref=anno-search&seite=1)
[2] Vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Vertrag_von_Saint-Germain und https://austria-forum.org/af/Wissenssammlungen/Essays/Geschichte/Radkersburg_1919
[3] Vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Rathaus_Bad_Radkersburg
[4] Vgl. Grazer Tagblatt, 6.11.1929, S. 15: Vgl. zu dessen Biografie: https://www.zobodat.at/biografien/Oberndorfer_Friedrich_Oberoesterr-Heimatbl_1970_3_4_62-63.pdf
[5] Vgl. dazu auch den Hinweis auf Kaminer: „Den Ansprüchen der Slowenen auf die deutsche Stadt
Radkersburg, die Dr. Kovosec als eine deutsche Sprachinsel bezeichnete, tritt neuerdings Dr. Franz Kamniker in einer kleinen Schrift entgegen, die als eines der Flugblätter für Deutschösterreichs Recht erschienen ist. Dr. Kamniker, der bekanntlich das Amt eines Vizebürgermeisters im hart bedrängten Radkersburg bekleidet und die Siedlungsverhältnisse im unteren Murtal aufs trefflichste kennt, vermag die slowenischen Ansprüche als völlig ungerechtfertigt und anmaßend abzuweisen, ohne auch nur mit einem Worte den Boden seiner Sachlichkeit zu verlassen. Er geht, nicht ohne Hinweise auch aus die Siedlungsgeschichte und auf die Beziehungen zwischen Deutschen und Slowenen im- umstrittenen Murtale, den ethnographischen Verhältnissen in den einzelnen Gemeinden nach und beweist, dass Radkersburg nördlich, westlich und südlich mit dem geschlossenen deutschen Sprachgebiete in unmittelbarem Zusammenhang steht und den südöstlichen Eckpfeiler derselben bildet.“ (Tagespost, 15.4.1919, S. 5)
[6] Grazer Tagblatt, 6.11.1929, S. 15
[7] https://bad-radkersburg.gv.at/sites/1weltkrieg
[8] Vgl. https://pavelhaus.at/
[9] Vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Franz_Kamniker
[10] Ein QR-Code führt zu mehr Informationen über das Denkmal und den einstigen Stadt- und Regimentsarzt, Primararzt am LKH Radkersburg und Bürgermeister Dr. Franz Kamniker. Vgl. https://bad-radkersburg.gv.at/sites/1weltkrieg
[11] Grazer Tagblatt, 4.11.1929, S. 3
[12] Grazer Tagblatt, 6.11.1929, S. 15
[13] Grazer Tagblatt, 14.10.1929, S. 2
[14] https://bad-radkersburg.gv.at/sites/2weltkrieg
[15] Vgl. http://www.denkmalprojekt.org/2015/bad-radkersburg_bz-suedoststeiermark_steiermark_oe.html


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