GRAZ – RATSCHENDORF (Kriegerdenkmal) – MARIA HELFBRUNN (Kriegerdenkmal) – BAD RADKERSBURG (Tafeln und Gedenkraum Alter Rathausturm, Sowjetisches Kriegerdenkmal, Kriegerdenkmal am Friedhof) – GORNJA RADGONA (Antikriegsdenkmal, Partisanendenkmal) – LAAFELD (Pavelhaus) – GRAZ
Unsere erste Tour zu steirischen Kriegerdenkmälern führte uns letzten Freitag bis in den letzten Zipfel der Südoststeiermark und, begleitet von David Kranzelbinder (Pavelhaus), sogar auf die andere Seite jener Grenze, die als Ergebnis des Ersten Weltkriegs nach dem Friedensvertrag von St. Germain gezogen wurde.
Die Fahrt an diesem trüben Herbsttag führt uns vorbei an erntereifen Mais- und Kürbisfeldern, der Bahnstrecke und Orten, die in Erwartung ihrer lokalen Herbstfeste sind.




Erste Station: RATSCHENDORF
Hier in Ratschendorf, das mit seinen etwas über 600 Einwohner:innen Teil der Gemeinde Deutsch-Goritz ist, geht es tatsächlich recht ländlich zu. Das Kriegerdenkmal des Ortes, das 1922 vom 1907 mit 62 Mitgliedern gegründeten Militär-Veteranen und Krieger-Vereins [1] errichtet, 1967 etwas versetzt und im Jahr 2000 komplett neu gestaltet wurde, [2] bildet mit einer Kapelle und einer Marienstatue am Dorfplatz ein richtiges Ensemble. Dazu kommt der immer noch dort stehende Maibaum und auf der anderen Straßenseite, das 1990 eröffnete römerzeitliche Museum.




Das Denkmal zeigt, nicht untypisch für diesen Teil der Steiermark, einen Soldaten der k.u.k. Armee. Lebensgroß gestaltet und mit einem Orden dekoriert hält der Marmorne seine linke Hand an die Tasche mit seinem für den Nahkampf wichtigen Dolch. Sein rechter Arm ist aufgestützt. Doch auf was? Könnte man von weitem glauben, es handelt sich um einen Stapel aufgeschichteter Bücher, so wird es bei näherem Hinsehen unklar.





Zum Denkmal gehören zwei Tafeln. Auf jener, die zum Ersten Weltkrieg 1914-1918 gehört, sind 27 Namen vermerkt.[3] Neben Gefallenen, darunter der erst 22-jährige Franz Bauer, finden sich hier auch Vermisste und anscheinend Kriegsheimkehrer, die in den 1920er-Jahren verstorben sind, wie etwa der 41-jährige Wagnermeister Karl Kolbl [4], der 1925 an Lungen- und Kehlkopfschwindsucht verstorben ist.
Auf der Tafel die zum Zweiten Weltkrieg 1939-1945 zählt, sind 21 Namen angeführt, wovon 2 vermisst wurden und 17 gefallen sein dürften. Unter ihnen Johann Liebmann, der im Oktober 1947 noch als vermisst galt und nach dem seine Mutter Johanna Liebmann suchte.[5]

Nachdem 1930 der Heimkehrerbund mit dem Veteranenbund verschmolz, erfolgte 1938 im Nationalsozialismus die Überführung in den Reichskriegerbund. So war nach Ende des Zweiten Weltkriegs die Vereinstätigkeit jahrelang verboten, bis es 1954 zur Neugründung als Ortverband des Österreichischen Kameradschaftsbundes kam.[6]
Abgesehen vom Hahn und den Hennen des neben dem Museum liegenden Bauernhofes und einiges vorbeifahrenden Autos und Traktoren ist während unseres Fotoshootings fast niemand zu sehen. Dann bleibt ein Auto stehen und eine interessierte Frau fragt, was wir denn so machen. Für ein Gespräch mit uns fehlt ihr leider die Zeit.
Verortet sind an diesem Platz ebenfalls zwei Baumpflanzungen, die an die seit 1994 bestehende Partnerschaft zwischen Ratschendorf und der ungarischen Gemeinde Szajk erinnern. Neben einem jungen Pflänzchen (zum 30 Jahrjubiläum) gibt es auch einen schon stattlichen Nussbaum, der im Juli 2000 gepflanzt wurde.



Als wir einige am Parkplatz davor liegende Nüsse dieses Partnergemeinden-Baumes aufgesammelt hatten, blieb eine Frau mit ihrem Auto in einigen Metern Entfernung stehen und begann und zu filmen. Gefragt warum sie das mache, warf sie uns Diebstahl ihrer Nüsse ihres Nussbaums vor. Naja, vielleicht würde eine Nachfrage bei der Gemeinde Licht ins Dunkel bringen, wem nun der von Ungar:innen gespendete Nussbaum tatsächlich gehört sowie der davor liegende Parkplatz.
Wir leerten selbstverständlich unser Plastiksackerl brav aus. Das lag gerade einige Sekunden leer am Boden, da wurden wir schon vom nächsten Stehengebliebenen von seinem Traktor hinunter aufgefordert, das Sackerl ja nicht liegen zu lassen. Ehrlich gesagt habe ich mich schon lange nicht mehr als Grazer so fremd im eigenen Land gefühlt (auch wenn uns David Kranzelbinder später aufklärte, dass es im Herbst anscheinend viele Ortsfremde gäbe, die gleich Säckeweise Nüsse sammeln). Nach diesen äußerst unguten Erlebnissen waren wir jedenfalls bemüht, Ratschendorf so schnell wie möglich zu verlassen.
Joachim Hainzl
[1] vgl. https://anno.onb.ac.at/cgi-content/anno?aid=gpt&datum=19090612&query=%22veteranen+ratschendorf%22~10&ref=anno-search&seite=8
[2] vgl. https://www.oekbst.at/verbaende/bv-radkersburg/ov-ratschendorf/chronik.
[3] vgl. http://www.denkmalprojekt.org/2015/ratschendorf_gde-deutsch-goritz_bz-suedoststeiermark_steiermark_oe.html
[4] vgl. https://data.matricula-online.eu/de/oesterreich/graz-seckau/mureck/13378/?pg=266
[5] vgl. Neue Zeit, 15.10.1947, S. 4
[6] Vgl. ÖKB-Infotafeln in Ratschendorf


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