Wir verlassen St. Georgen und genießen die Herbstlandschaft bei unserem Weg über Rohr und Oedt nach Lebring, wo wir die Mur überqueren.

Von dort gilt es noch die Autobahn zu unterqueren. Dann, im Gewerbegebiet folgen wir dem schmalen Feldweg entlang dem Sonnenblumenfeld und kommen beim ehemaligen Militärfriedhof des Militär- und Gefangenenlagers Lang-Lebring an, das im Zusammenhang steht mit dem im Frühjahr 1915 errichteten Kriegsgefangenlager Lebring.

Die Stadt Graz sich zuvor erfolgreich gegen vorher ausgewählte Bauplätze für ein Gefangenenlager in Stadtnähe zur Wehr, denn „der Gemeinderat vertrat die Ansicht, die Abwässer eines Gefangenenlagers in dieser Region würden die Selbstreinigungskraft der Mur überfordern. In der Folge käme es zu einer Gefährdung des Grundwassergebietes, und über die Mühlgänge der Stadt könne das verschmutzte Wasser in die Badeanstalten der Stadt gelangen. (…) Um die Ablehnung der Stadt gegenüber dem Projekt des Militärkommandos zu unterstreichen, erklärte die Gemeinde, dass der Bau des Lagers den vollkommenen wirtschaftlichen Niedergang der Stadt zur Folge hätte.“[1] Nach der Entscheidung für Lebring wurde schon zwei Tage später mit dem Bau des Lagers begonnen, sodass die Proteste dagegen, wie der des Leibnitzer Bürgermeisters, der sich wegen „Infektionsgefahr, der Lebensmittelknappheit, der Grundwassergefährdung und dem Verlust von erstklassigem Ackerland“ [2] gegen den Lagerstandort aussprach, zu spät kamen. Jedoch wollte in der Region kaum jemand am Bau mitwirken, sodass rund 1.000 Kriegsgefangene, Facharbeiter und Tagelöhner herangezogen werden mussten.

Das Lager

 [3]

Paketverteilung im Lager[4]

Das 75 Hektar große Lager umfasste schließlich „über hundert Gebäude samt Infrastruktur, darunter ein Wasserbehälter am Fuße des Buchkogels in St. Margarethen, Kanalisation, ein Schleppgleis zwischen dem Bahnhof Lebring und dem Lagerschlachthaus sowie ein Lagerpostamt. Die Elektrizität lieferte ein Flusskraftwerk an der Mur.“[5] Zu den hier rund 3.000 untergebrachten serbischen, russischen und rumänischen Kriegsgefangenen (die in der Umgebung Zwangsarbeit verrichten mussten, kamen bald auch italienische Kriegsgefangene dazu, als Italien auf Seiten der Entente in den Krieg eingriff.

Nach der russischen Oktoberrevolution demonstrierten rund 500 russische Kriegsgefangene in Lebring für den Frieden.[6]

Im Areal waren auch bis zu 15.000 k.u.k. Soldaten „unterschiedlicher Nationalitäten einquartiert, dazu ein Bergarbeiterkader sowie rund 1.000 einheimische Facharbeiter. Die Lagerspitäler umfassten 2.000 Betten für verwundete und infizierte Soldaten und Gefangene. Das Lager diente auch als dislozierte Ausbildungsstätte für die bosnisch-herzegowinischen Einheiten der k. u. k. Armee, unter ihnen die in Graz stationierten Soldaten des Infanterieregiments 2 („Zweier-Bosniaken“)“.[7] 

Wie schlecht der Gesundheitszustand vieler im Lager 1918 war, beschreibt auch eine Diskussion im Grazer Gemeinderat. Von 211 „Militärarbeitern“, die von Lebring nach Graz zu Holzschlägerungsarbeiten beigestellt wurden, waren 97 infolge von Verwundungen völlig arbeitsunfähig. [8]

Zu Kriegsende wurde das Lager Lebring zunächst von den bosnisch-herzegowinischen Soldaten[9] sowie von der örtlichen Bevölkerung geplündert. Die Baracken wurden innerhalb kürzester Zeit nach Kriegsende abgetragen und das Gelände teilweise verbaut.

Der Militärfriedhof

Sowohl unter den einquartierten Soldaten als auch Kriegsgefangenen des Lagers gab es wegen „den schlechten hygienischen Bedingungen, dem Hunger[10], der Kälte und vielerlei Krankheiten“ so viele Verstorbene, dass für sie noch 1915 im Süden des Lagers „eine über 7.000 m2 große Waldparzelle des Gutes Eybesfeld“ als Militärfriedhof angelegt werden musste, der 1917 nochmals erweitert wurde. Eine häufige Todesursache dürfte Lungentuberkulose gewesen sein, die mehrmals erwähnt wird.[11]

Begräbnis am Friedhof[12]

Die Geschichte von Lager und Friedhof sind durch Tafeln und mehrsprachige Flyer (herausgegeben vom „Kulturpark Hengist“)[13] sehr gut erklärt (wobei es auch einige GAK-Fußballfans hierher verschlagen hat, welche sich für ihren Sticker einen unnötigen Ort ausgesucht haben). 

Da es in der Zwischenkriegszeit noch zu Umbettungen von anderen Friedhöfen kam, befinden sich heute in Summe 1.670 Gräber am Friedhof. Neben 1.233 Soldaten der k. u. k. Armee (unter ihnen 805 Bosniaken des Infanterieregimentes Nr. 2, Ergän­zungsbezirk Banja Luka) liegen hier 437 italienische, rumänische, russische und serbische Kriegsgefangene begraben mit –  wie damals üblich –  je nach Glaubenszugehörigkeit –  unterschiedlich gestalteten Gräbern.

Ebenfalls schon in der Zwischenkriegszeit gab es jährlich bei den vom Kriegsgräberkuratorium und Rotary Club instandgehaltenen Gräbern Gedenkfeiern des Bundes der 2er-Bosniaken, an dem auch die Bevölkerung der Umgebung teilzunehmen schien. 1936 kam es zur „Herrichtung der Friedhofwege und des Weiheplatzes, Errichtung neuer Grabkreuze und Moham­medanerpflöcke und Anbringung von dauer­haften Namenstafeln“.[14] 

Es ist ruhig, in diesem abgelegen am Waldrand befindliche Friedhof mit diesen vielen, sorgfältig  in geordneten Reihen angelegten Grabstätten und den Namen darauf. Ein großes Steinkreuz am Ende des Friedhofs wird umrahmt von acht Tafeln mit den Namen der toten Soldaten und Kriegsgefangenen.   

Auf dem Friedhof befinden sich auch Denkmäler für dort begrabene Bosnier und Italiener. Von russischen Gefangene wurde Spenden gesammelt, „um auf dem Lagerfriedhof ein Denkmal für die in der Gefangenschaft verstorbenen Kameraden zu errichten. Das mittels des gesammelten Geldes errichtete Denkmal steht heute noch auf dem ehemaligen Lagerfriedhof von Lebring.“[15]

Auf den ersten Blick etwas irritierend wirken die zehn im Gedenkjahr 2014 umgesetzten Metallrahmen, die nach einer Idee von Joachim Schnabel, dem Bürgermeister der Gemeinde  Lang, unter Leitung des Kulturpark Hengist und der Einbeziehung von Schüler:innen am Friedhof aufgestellt sind, teilweise auch mitten in den Gräberreihen. Doch genau diese Irritation ist eine der Intentionen des Projektes „Erinnerungsrahmen“, wie ein Rahmen erklärt: „Durch die unregelmäßige Platzierung am Friedhof entstehen Akzente in der einheitlich gestalteten Rasenfläche.“  Auf anderen Rahmen finden sich Zitate, so wie auch bei unserem Projekt, individuelle Kriegserinnerungen aus Feldpostbriefen sowie Gedanken von Volksschüler:innen aus Lang zum Thema Krieg und Frieden. „Der zehnte Erinnerungsrahmen ist ‚leer‘. Er ist eine Symbol für eine uns noch nicht bekannte Zukunft und gleichzeitig eine Botschaft für den Frieden: Diese Geschichte darf sich nicht wiederholen (…)“.

Joachim Hainzl


[1] Peter Hansak, Kriegsgefangene im Gebiet der heutigen Steiermark 1914 bis 1918. In: Zeitschrift des Historischen Vereines für Steiermark, Jg. 84). Graz 1993, S. 289.

[2] Hansak, S. 290.

[3] https://www.hengist-archaeologie.at/archaeologie/fundorte/28-lebring/175-lebring-militaerlager-in-lebring-lang.

[4] Fotoquelle: Hansak, S. 271.

[5] https://archaeoregion.at/militaerlager-lebring-und-soldatenfriedhof-lang/.

[6] Vgl. Die Zeit, 7.12.1917 S. 2.

[7] https://archaeoregion.at/militaerlager-lebring-und-soldatenfriedhof-lang/.

[8] Vgl. Grazer Volksblatt, 11.1.1918, S. 3.

[9] „In der Nacht von Freitag auf Samstag halten die Bosniaken im Lager von Lebring sämtiche Magazine geplündert und alles davon geschleppt, was an Mehl, Monturen, Wäsche, Lebensmittel u. dgl. vorhanden war. Als gestern die Bosniaken mit den Zügen von Lebring wegfuhren, schossen sie aus den Fenstern, so dass sich die Leute glatt auf den Boden werfen mussten, um nicht getroffen zu werden. Vorgestern verließen 1500, gestern 1000 Bosniaken das Lager von Lebring“ (Grazer Volksblatt, 3.11.1914, S. 4).

[10] 1917 trat das Grazer Militärkommando vehement gegen Gerüchte auf, dass es im Lager Lebring zu wenig zu essen gäbe  (vgl. Grazer Volksblatt, 30.5.1917, S. 8).

[11] Vgl. die Aufzeichnungen Verstorbener: https://anno.onb.ac.at/anno-suche/complex?text=lebring&title=Nachrichten%20%C3%BCber%20Verwundete%20und%20Verletzte&dateMode=period&yearFrom=1914&yearTo=1917&from=1&sort=date%20desc.

[12] Fotoquelle: Hansak, S. 293.

[13] Auch hier nachzulesen: https://www.hengist.at/wp-content/uploads/SoldatenfriedhofFolder.pdf.

[14] Grazer Volksblatt, 31.0.1936, S. 6.

[15] Hansak, S. 292.

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