Vom Soldatenfriedhof Lebring-Lang machen wir uns auf zum Gefallenendenkmal in der Gemeinde Lang. Es ist für mich als Beifahrer gar nicht so leicht, der Navigation am Handy zu folgen und dann Maryam als Fahrerin immer rechtzeitig die Abbiegeinfos zu geben. Nach einigen kleineren Umwegen sind wir dann am richtigen Weg.
Jedoch sind wir anscheinend nicht schnell genug unterwegs. Zumindest hupt uns ein Autofahrer an und obwohl Maryam und ich beide unsere Arme „wachelnd“ aus dem Auto strecken, um ihm zu bedeuten, dass er eh überholen könne, bleibt er hinter uns. Als wir in Lang bei einem Gasthaus parken (die Straße vor dem Denkmal war für ein Fest abgesperrt), parkt unser „Verfolger“ in unserer Nähe. Wir steigen aus, aber noch bevor Maryam ihm ihre Meinung sagen kann, kommt der Mann auf uns zu und ruft mehrmals „Friede! Friede!“ Naja, Maryam reicht ihm dann zum Friedensangebot eine Zigarette und wir kommen ins Gespräch. Er entschuldigt sich, noch amüsiert über unsere winkenden Hände. Wir erfahren, dass er Musiker ist, aber seine Tour absagen musste, da er aus noch ungeklärten Gründen zwischenzeitlich kurz sein Bewusstsein verliere. Das habe zu einem Unfall geführt, wo er sich seine Hand verletzt hat.
Wir packen schließlich unser Schild mit dem Feldpostbriefzitat eines Soldaten und – da er auch Grafiker ist – gibt uns unser Gesprächspartner beim Verabschieden noch einige Layouttipps mit auf den Weg.
Vor dem im Juli 1951 gesegneten Kriegerdenkmal angekommen, fällt uns als erstes die Gestaltung der vom Grazer Bildhauer Max Prüger geschaffenen Statue eines Gebirgsjägers ins Auge. Stehend auf einem erhöhten Sockel, hält die eine Hand das umgehängte Seil, die andere ist leicht gestützt auf seinen Pickel. Er erscheint unbewaffnet.
Irritierend ist der gut sichtbare, mittig angebrachte Satz „Heimat gedenke deiner Helden!“ Wurde das Denkmal doch erst nach dem Zweiten Weltkrieg errichtet und damit nur wenige Jahre, nachdem auch diese Soldaten im Dienste der Deutschen Wehrmacht in ganz Europa und auch anderen Teilen der Welt für die Interessen NS-Deutschlands gekämpft hatten.


So wie in anderen Orten auch, erregt unser Fotoshooting das Interesse der Bevölkerung. Vom nahen, in Vorbereitung befindlichen Festplatz gesellt sich ein interessierter Herr im T-Shirt zu uns. Unser Tun erklärend, meint er, der sich zu unserer großen Überraschung als Bürgermeister und ÖVP-Parlamentarier Joachim Schnabel[1] entpuppt, dass auch er mit dem Wort „Helden“ am Denkmal wenig anfangen könne. Nach unserem Fotoshooting nimmt sich Joachim, mit dem wir gleich Per-Du sein dürfen, Zeit für ein Gespräch.


Das Erinnerungsrahmen-Projekt am Soldatenfriedhof
Da uns sein Name bereits als Initiator des Erinnerungsrahmen-Projekts bei der vorigen Station am Soldatenfriedhof Lang-Lebring aufgefallen war, fragen wir gleich als Erstes, wie es zu dieser Idee kam.
Schnabel: „Ich habe einen familiären Bezug, da meine Großeltern unmittelbar daneben eine landwirtschaftliche Fläche bewirtschaftet haben. Da sind wir als Kinder immer wieder mit und haben dort am Friedhof gespielt.“ Wie war für dich als Kind dieser Friedhof mit den Kreuzen, aber auch den Gräbern von Muslimen? „Es war irgendwie bedrückend, aber doch auch interessant, die verschiedensten Namen zu lesen. Die Grabmäler zu sehen und sich zu fragen, warum sind die unterschiedlich. Als Kind hatte man ja eigentlich nur Bezug zur römisch-katholischen Kirche.“
Hat dein Großvater dir auch etwas vom Krieg erzählt? „Dadurch, dass mein Großvater selbst Kriegsteilnehmer war, hat er immer sehr viel Wert auf diese Erinnerungskultur gelegt. Aber er hat erst ganz spät, knapp vor seinem Tod, über seine Kriegsteilnahme zu erzählen begonnen und kurz ihn Tränen ausgebrochen. Er hat auch erzählt, dass er Freunde tagelang mitgeschleppt hatte, sie dann aber doch zurücklassen musste und die sind dann alle verstorben.“
„Darüber hinaus bin ich geschichtsinteressiert und diese Greueldaten der Nazis, die gehen sogar einem Jugendlichen schwer unter die Haut. Und das hat mich dazu bewogen, dass man nicht still sein darf und das immer wieder erzählen und vermitteln muss. Das war die Idee dahinter. Das Projekt erfolgte unter Einbindung der Volksschule und damals noch Neuen Mittelschule in Lebring und des Architekten Andreas Karl, der das mitbegleitet hat. […] Wir hatten teilweise noch Zeitzeugen, die erzählt haben, wie das vor allem zu Kriegsende war. Zuvor hatten wir mit Schulkindern eine Ausstellung zu „Krise, Krieg und Aufbauzeiten“ gemacht, wo wir die Ära vom Ersten Weltkrieg bis nach dem Zweiten Weltkrieg beleuchtet haben mit Originaldokumenten.“
Wie sind die Kinder mit dem Thema Krieg umgegangen? „Sie setzen sich schon mit Kriegserlebnissen auseinander. Der Wunsch nach Frieden kommt in einer längeren Diskussion schon ganz stark hervor.“
Dazu möchte auch Maryam, die in Teheran aufgewachsen ist, etwas ergänzen: „Ich habe bei einem Projekt der Regionale 10 in Selzthal mit Volksschulkindern einen Workshop zum Thema Krieg gemacht. Die Schüler:innen war ungefähr acht, neun Jahre alt. Und ich habe ihnen meine Erinnerungen an den Iran-Irak-Krieg erzählt, wie ich so alt war wie sie. Am gleichen Abend ist dann ein Kind mit alten Fotos zu mir gekommen, darunter auch von Kindern, die im Zweiten Weltkrieg in Selzthal durch Bomben getötet worden waren.“
„Sie haben uns die Jugend geraubt und manchen das Leben“
Du hast vorhin, wie wir beim Denkmal waren, dich kritisch über den Heldenbegriff geäußert. „Das sind Opfer und sie sind geopfert worden. Natürlich waren einige teilweise fanatisiert dabei, aber mein Großvater hat gesagt: ‚Sie haben uns die Jugend geraubt und manchen das Leben!‘ Also an sie zu gedenken ist wichtig und das Kriegerdenkmal steht ja hier, weil die Soldaten nicht auf heimischem Boden beerdigt worden sind. So bleibt der Name vor Ort und die Familie hat eine Stätte zum Trauern. Aber der Begriff ‚Helden‘ verklärt das eigentlich, was man mit ihnen gemacht hat.“
Und hast du zu jemanden am Denkmal einen familiären Bezug? „Ich kenne einige Namen, die ich zuordnen kann. Außerdem steht der Name meines Großonkels oben, den ich nie kennengelernt habe. Ich weiß nicht, ob er bei der SS war, aber er war schon ein richtiger Anhänger des Nationalsozialismus, Und mein überlebender Großvater hat ihn im Krieg am Rückzug aus irgendeinem Grund getroffen und zu ihm gesagt: ‚Schauen wir, dass wir nach Hause kommen, der Krieg ist verloren.‘ Da meinte mein Großonkel, der später in Tschechien verstorben: ‚Sei froh, dass du mein Bruder bist, sonst müsste ich dich jetzt erschießen!‘“
„Heimat“, „Friede“ und „Freiheit“
Am Denkmal wird auch der Begriff ‚Heimat‘ verwendet. Ist dieser auch kritisch zu sehen? „Also der Heimatbegriff ist schon sehr identitätsstiftend. Menschen brauchen Heimat, zumindest als wurzelgebende Funktion, damit sie ihr Leben gestalten und zurückdenken können. Man verbindet immer etwas mit dem, wo man herkommt, wenn es auch noch so schrecklich war.“
Was waren deiner Meinung nach Gründe, dass die Menschen den Zweiten Weltkrieg eventuell befürwortet haben? Die Frage ist, ob man das jetzt, fast 90 Jahre später, fair beurteilen kann für die Menschen, die das damals gemacht haben. Also der Angriffskrieg ist eindeutig zu verurteilen, ebenso der Vernichtungskrieg im Osten. Das ist ein Wahnsinn, was da gemacht worden ist! Aber es gab diesen Gewaltfrieden nach dem Ersten Weltkrieg, wo viele deutschsprachige Gebiete verloren gegangen sind. Das wollten schon viele wieder rückgängig machen. Man muss sich vorstellen, die Einkaufsstadt für die Südsteiermark und der große Markt für die bäuerliche Region hier – das weiß ich aus Erzählungen meiner Urgroßeltern – war Marburg. Mein Urgroßvater hat nicht verstanden, warum man nicht mehr nach Maribor einkaufen gehen kann. Jetzt kann man auch diskutieren, warum die Grenze so gezogen worden ist. Zum Glück sind wir mit unseren slowenischen Freunden heute in gutem Einverständnis.“
Bei den Erinnerungsrahmen am Soldatenfriedhof geht es ja auch um den Frieden. Wie kann man heute Friedensarbeit betreiben?
„Also die Gegenwart zeigt uns auf, wie fragil ‚Friede‘ eigentlich ist. Für meine Generation – jetzt bin ich knapp 50 – war das Thema Friede die letzten 30 Jahre quasi ein Selbstläufer (mit Ausnahme der Jugoslawien-Krise). Und es war gar nicht vorstellbar, dass es wieder solche kriegerischen Auseinandersetzungen vor der Haustür geben wird, wie in der Ukraine. Und es scheint nicht aufhören zu wollen. Wir haben immer mehr Demagogen, Autokraten und Machtverschiebungen, das macht es wirklich schwierig. Leider gehören zur Friedeninvestition auch Waffen, das muss man leider feststellen. Friede ist eines und das Zweite ist die Freiheit. Man kann Frieden haben, aber trotzdem keine Freiheit.“

Die Namen
Die Gemeinde Lang mit heute rund 1400 Einwohner:innen[2] besteht aus den Ortschaften Dexenberg, Göttling, Jöß, Lang, Langaberg (Langerberg), Schirka und Stangersdorf und nach diesen Orten sind auch die 21 Gefallenen des Ersten Weltkriegs und 34 Gefallenen und 17 Vermissten des Zweiten Weltkriegs am Denkmal angeordnet.
Die Todesdaten sind genau angegeben, Ortsangaben hingegen fehlen.


Opfer des Ersten Weltkriegs
- In den Zeitungen findet sich ein Infanterist Franz Zirngast (geb. 1882), dessen Name nicht am Denkmal aufscheint, der aber zumindest in Schirka geboren wurde und der zwischen 29.11.-14.12.1916 gefallen ist.[3]
- Über den Tod von Johann Schliefsteiner (am Denkmal falsch als „Schleifsteiner“), Sohn des Grundbesitzers Vinzenz Schliefsteiner in Göttling, der am 21.12.1914 bei Jaslo in Galizien verstorben war, haben seine Angehörigen erst ein Jahr später erfahren: Er war Korporal des Feldkanonenregiments Nr. 8, 3. Batterie. „Der Bruder des Gefallenen, Peter Schliefsteiner, steht gegenwärtig auf dem südwestlichen Kriegsschauplatze.“[4]
- Josef Fuchs aus Schirka, dessen Name sich auch am Denkmal befindet, lag zuerst krank im Marinespital in Pula (heute Kroatien)[5]
- Die Zeitungen berichteten auch über Kriegsgefangene, die z.B. erst 1920 in die Gemeinde Lang aus Russland zurückkehrten. So im August aus Jekaterienburg Leonhard Weißinger[6] und der Stangersdorfer Ernst Schnabl im Oktober aus Omsk.[7]
Opfer des Zweiten Weltkriegs
Wie bereits erwähnt, ist das Schicksal nicht weniger Soldaten auch aus der Gemeinde Lang ungeklärt. Sie gelten als „vermisst“, ohne Todesdatum, Todesort oder bekannte Grabstelle. Ludwig Strasser wurde noch im Juni 1946 und Franz Haberl gar im März 1948 vergeblich von ihren Familien gesucht. Beide Namen stehen unter den Toten am Denkmal.
Auf der Basis der Daten des Denkmals konnten über die Gräbersuche auf der Seite des Deutschen Volksbunds[10] noch teilweise Geburtsdaten, genauere Sterbeorte und Grabstellen eruiert werden:





Joachim Hainzl
[1] Vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Joachim_Schnabel.
[2] Vgl. https://www.lang.gv.at/gemeinde/zahlen-fakten.
[3] Vgl. https://anno.onb.ac.at/cgi-content/anno?aid=vll&datum=19170430&query=%22schirka%22&ref=anno-search&seite=58.
[4] Tagespost, 7.12.1915.
[5] Vgl. https://anno.onb.ac.at/cgi-content/anno?aid=nvv&datum=19140824&query=%22fuchs+schirka%22~10&ref=anno-search&seite=13.
[6] Vgl. Grazer Volksblatt, 20.8.1920, S. 4.
[7] Vgl. Tagespost, 4.10.1920, S. 3.
[8] Neue Zeit, 22.6.1946, S. 7.
[9] Neue Zeit, 16.3.1948, S. 4.
[10] https://www.volksbund.de/erinnern-gedenken/graebersuche-online




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