Nach Eggersdorf erreichen wir die Stadt Gleisdorf.






Unseren Gesprächspartner Wolfgang Seereiter treffen wir hinter dem Rathaus bei dem von ihm mit initiierten Mahnmal, in Erinnerung an ungarische Jüdinnen und Juden, die beim so genannten „Todesmarsch“ im Jahr 1945 auch hier durch die Stadt getrieben wurden. Ich kenne Wolfgang schon seit vielen Jahren und in meiner ehemaligen Funktion als Steiermark-Koordinator des Mauthausen-Komitees durfte ich mehrmals an den jährlichen Gedenkfeiern beim Denkmal teilnehmen.



Wolfgang Seereiter: „Zukunft braucht Erinnerung“
Wolfgangs Engagement reicht zurück in die Zeit als Lehrer an der Volksschule in Wetzawinkel, unweit von Gleisdorf. Damals habe er erfahren, dass die Straße vor seiner Schule eine jener Routen war, die während der Todesmärsche stark frequentiert war. Dennoch war davon nirgendwo etwas zu lesen, auch nicht in der Schulchronik. Genaueres erfuhr er erst im Gespräch mit dem Zeitzeugen Norbert Zechner, einem Anrainer der Schule, der im Jahr 1945 15 Jahre alt war und in der Folge sich wiederholt als Zeitzeuge bei Veranstaltungen[1] und in der Schule zur Verfügung gestellt hatte. Wolfgang: „Er hat mich bestärkt, den Geschehnissen auf den Grund zu gehen und nachzufragen, warum das so im Verschwiegenen bleibt. Sehr wesentlich war dann mein Aufenthalt in Israel bei Yad Vashem, im Rahmen der Lehrer:innenfortbildung. Dort konnte ich nachlesen, was bei uns passiert ist und Namen und Geschehnisse erfahren, die ich eigentlich hier vor Ort sehr viel schneller erfahren hätte sollen. Da war ich schon sehr irritiert und das gab mir den Anstoß für meine Arbeit!“
Das Mahnmal in Gleisdorf
Als er im Ort Wetzawinkel aktiv werden wollte, gab es ziemlichen Widerstand. Stattdessen ergab es sich, dass sich auf seine Initiative hin in relativ kurzer Zeit in Gleisdorf im Jahr 2006 ein Personenkomitee gebildet hatte. Neben Wolfgang Seereiter gehörten diesem Peter Gerstmann und Marianne Ofner (beide vom BG/BRG Gleisdorf), Karl Heinz Böhmer (Pfarrer der evangelischen Gemeinde), die Zeitzeugin Johanna Crilovic und der Historiker Engelbert Kremshofer an.[2] „Es ist uns sehr rasch gelungen, ein konkretes Vorhaben zu formulieren und anzugehen. Und das war dieses sichtbare Zeichen der Erinnerung.“ Da es damals in der ganzen Region keine Vorbilder dafür gab, wandte Wolfgang sich an Christian Ehetreiber, dem damaligen Geschäftsführer der Grazer ARGE Jugend gegen Gewalt und Rassismus, welche das 2004 errichtete Mahnmal am Präbichl[3] (in Erinnerung an über 200 Jüdinnen und Juden, die hier im April 1945 bei einem Massaker getötet wurden) mitinitiiert und begleitet hatte.
So entschloss man sich, im Jahr 2006 einen Gestaltungswettbewerb mit Gleisdorfer Schulen durchzuführen. „Die Jury war prominent besetzt mit Historikerinnen und Historikern, auch aus dem Burgenland. Die Stadtgemeinde war mit dabei und konnte dafür gewonnen werden, die Baukosten zu übernehmen. Alle anderen Aufwendungen konnten durch Subventionen vom Nationalfonds gedeckt werden.“ Der doch recht frequentierte Standort des Mahnmals basiert ebenfalls auf einem Vorschlag der Stadtgemeinde. Man entschied sich mehrheitlich für die Bezeichnung „Mahnmal“, auch wenn Teile der Politik sich lieber ein „Friedenszeichen“ oder „Erinnerungszeichen“ gewünscht hätten, erinnert sich Wolfgang. Heute wird das Mahnmal auch als Teil der Kunst im öffentlichen Raum angesehen.
Zur Umsetzung kam der zweite Preis, der Entwurf der damals 15-jährigen Gleisdorfer Schülerin Corinna Donnerer, die gerne eine größere Dimensionierung ihres Entwurfs realisiert gesehen hätte. Die jährlichen Gedenkveranstaltungen beim Mahnmal mit Rahmenprogrammen vorher und nachher gibt es weiterhin. Und diese laufen, so Wolfgang, besser denn je. „Ich bin eigentlich sehr zufrieden! Wo es noch Luft nach oben gibt, das ist die Anzahl von Personen, die sich am Vormittag die Zeit nehmen und hinkommen.“
Im Jahr 2014 wurde, so Wolfgang, vom Geschichtslehrer Peter Gerstmann in der damaligen Nachbargemeinde Nitscha der erste Preis des Gleisdorfer Gestaltungswettbewerbs – ein Entwurf von Sabine Mahr, einer Jugendlichen aus Nitscha – umgesetzt.[4] Durch die Eingemeindung von Nitscha hat Gleisdorf nunmehr sogar zwei Mahnmale.
Bei der feierlichen Eröffnung des Mahnmals in Gleisdorf im Herbst 2008 waren neben vielen Schüler:innen und zahlreichen Vertreter:innen aus Politik und Wirtschaft auch Vertreter:innen der ungarischen jüdischen Gemeinde anwesend. Das Personenkomitee hat sich danach bald aufgelöst und so leitet Wolfgang nun seit 2010 den Verein „Zukunft braucht Erinnerung“[5], der von ihm damals – wie er betont, auf meinen damaligen Rat hin – gegründet wurde und von dem jährlich zahlreiche spannende Vorträge, Konzerte etc. durchgeführt werden.
Die Gedenkarbeit wird in den Schulen, trotz Generationswechsel bei den Lehrer:innen, von der nunmehrigen Lehrerschaft sehr aktiv weitergeführt. Es werden, so Wolfgang, Gastvorträge angeboten und Workshops zu Antisemitismus und Rassismus auch mit Unterstützung durch die Schulleitung durchgeführt.
Diskussion um den Begriff „Helden“ am Kriegerdenkmal an der Gleisdorfer Kirchenwand
Auch wenn es für die Bevölkerung vermutlich nur mehr einen geringen Stellenwert habe und die jährliche Gedenkveranstaltung schlecht besucht sei, würden – so Wolfgang – manche das sehr imposante Kriegerdenkmal an der Außenwand der Kirche als „ärgerlich und unverständlich“ empfinden und diese Form einer Heldenverehrung hinterfragen. Darum wurden vom Verein „Zukunft braucht Erinnerung“ (angeregt von Wolfgang Veit) im Jahr 2023 mehrere Treffen organisiert, zu welchen auch Giovanni Prietl (Pfarrer der Stadtpfarrkirche) sowie örtliche Vertreter des Kameradschaftsbundes (seit 2008 unter Führung von Rupert Puchmann[6]) eingeladen waren. „Wir sind mit dem Vorhaben an die Kirche herangetreten, eine Zusatztafel anzubringen. Es gibt von ihrer Seite viel Verständnis dafür, aber es ist noch nichts passiert. Ich glaube, es bräuchte einen konkreten Textvorschlag und dann würde nicht viel fehlen, dass das umgesetzt wird. Gerade für junge Leute ist das Denkmal überhaupt nicht lesbar. Sie haben keinen Zugang mehr, darum wäre es dringend notwendig, dort etwas zu machen!“
Die Initiative wird auf der „soziokulturellen Drehscheibe“ kultur ost von Martin Krusche vorgestellt[7], wo sich gleich mehrere Beiträge kritisch mit dem Heldenbegriff beschäftigen. Neben einem Beitrag zu Willibald Moll[8], der als 17-Jähriger im April 1945 in Gleisdorf fiel, finden sich Gedanken über das Denkmal und die Gedenkfeiern des ÖKB.[9]
Von Seiten des Kameradschaftsbundes, der in Gleisdorf über 600 Mitglieder habe und mit dem nunmehr ein reger Austausch bestünde, sei übrigens laut Wolfgang bei den Treffen der Initiative betont worden, dass heutzutage keine Helden mehr verehrt würden und sich die Aufgabenbereiche des ÖKB verändert hätten. Zumindest in der Vergangenheit gab es im Rahmen von Angelobungsfeiern für eingerückte Soldaten beim Denkmal auch Kranzniederlegungen.[10]
1923: Die Enthüllung des Kriegerdenkmals als „Bild erwachenden völkischen Verständnisses der Oststeiermark“
Das Gleisdorfer Denkmal an der südlichen Außenmauer der Pfarrkirche (das als Teil der Kirche auch denkmalgeschützt ist) ist mit seinen rund 40 Metern Länge und drei Metern Höhe das bisher größte von uns besuchte Denkmal. Neben den Namen enthält es drei Marmorreliefs. Das zentrale Motiv ist die religiöse Darstellung der Kreuzung Christi, darunter eine Tafel mit der Inschrift „Unseren Helden der beiden Weltkriege“. Auf den beiden Seitenreliefs stützen sich Soldaten auf ihre Gewehre, teils mit gesenktem, teils mit erhobenem Haupt.
Das erste Monument in kleinerem Umfang wurde 1923 nach Plänen des Bildhauers Franz Josef Unterholzer (1880–1952) errichtet und mit den Namen von 238 Gefallenen des Ersten Weltkriegs versehen.[11]

Die Enthüllung des Denkmals erfolgte im Beisein von Landeshauptmann Anton Rintelen und Abordnungen von über 50 Vereinen (darunter auch völkische Turnervereine), die vom Bahnhof zur Kirche marschiert waren. Die Festreden der Veranstaltung waren geprägt von einer klar demokratiefeindlichen, deutschnationalen und antisemitischen Stimmung. So rief Brigadierpfarrer Anton Allmer dazu auf, „gegen den Geist der Zersetzung wie ein Mann zu stehen, wies auf die Not des deutschen Volkes hin und schloss mit dem Wunsch, dass die Prüfungszeit des deutschen Volkes ein neues, größeres Deutschland vorbereite.“ In der Rede von Alfred Teischinger, dem damaligenReichsverbandsobmann der Alpenländischen Kriegsteilnehmer[13] (der von 1919-1933 bestand[14]) meinte dieser, dass man mit der bloßen Errichtung von Denkmälern die Pflicht gegenüber den Gefallenen nicht erfüllt hätte. „Diese liege in unseren Taten und Handlungen, in der Erziehung der Jugend und vor allem der Befreiung vom jüdischen Geiste, der unser Volk zersetzt habe. An der Parteipolitik werde unser Volk nicht genesen.“ So schließt der Bericht des Grazer Tagblatts auch damit, dass die Kundgebung der Denkmalenthüllung „ein überzeugendes Bild erwachenden völkischen Verständnisses der Oststeiermark bot.“
Die Erweiterung des Kriegerdenkmals
1952 wurde das Denkmal vergrößert und die Tafeln um die Namen von 947 Gefallenen des Zweiten Weltkriegs ergänzt.[15] Die Namen sind angeordnet nach den Teilen der Stadtpfarre Gleisdorf, zu der auch die (einstigen) Nachbargemeinden Albersdorf-Prebuch, Nitscha, Hofstätten an der Raab, Labuch, Ungerdorf und Ludersdorf-Wilfersdorf sowie deren Katastralgemeinden zählten.[16] Es gibt noch eine Unterscheidung in Gefallene und Vermisste, jedoch keine Angaben zu Geburts- und/oder Todesjahr.


Ein eingravierter Name wurde wohl nach Polizeirecherchen nachträglich vom Denkmal entfernt. Es hatte sich dabei um einen Vermissten gehandelt, auf dessen Rückkehr seine Frau und sein Sohn jahrelang vergeblich gehofft hatten. Tatsächlich jedoch war der Vermisste nach dem Krieg nach Österreich zurückgekehrt und hatte in Niederösterreich eine andere Frau geheiratet.[17]

Opfer und/oder Mittäter?
Im weiteren Gespräch mit Wolfgang entspinnt sich ein längerer Dialog zur Frage, inwiefern jene gefallenen Soldaten, die gezwungen worden sind, für die Armee des diktatorischen NS-Staates im Zweiten Weltkrieg in einen Angriffskrieg zu ziehen, als Opfer bezeichnet werden könnten. Oder seien sie eher Mittäter, wenn man weiß, welche Kriegsverbrechen und Gräueltaten von der Deutschen Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg verübt worden sind (in Erinnerung ist noch die heftige Kritik rund um die auch in Österreich vor rund zwei Jahrzehnten gezeigte Wehrmachtsausstellung[18])?
Wolfgang: „Ich würde sie als Mittäter mit einbeziehen.“
Joachim: „Wenn jemand sich von dieser Ideologie überzeugen ließ, dann ist man ein Mittäter, da bin ich deiner Meinung. Aber was ist mit dem Urenkel, das nur weiß, dass sein Urgroßvater damals nicht aus dem Krieg zurückgekommen ist und dessen Name am Denkmal oben steht? War der auch ein Täter?“
Wolfgang: „Ich kann die Soldaten nicht aus der Mittäterschaft entlassen. Ich denke, es gab Möglichkeiten, sich ein Urteil zu bilden, auch wenn es schwierig war.“ Er verweist darauf, dass die meisten seiner eigenen Verwandtennachweislich belastet waren: „Was macht der Onkel in Kreta und lobt das so? Was macht der andere in Saloniki, ein anderer in Polen? Warum muss meine Mutter mir als Kind immer noch erklären, was daran so toll war? Ihr hat jegliche Einsicht gefehlt.“ SeinVater, der erst vor wenigen Monaten verstorben ist und damals mit 18 Jahren einrücken musste „hat es nie für eine gute Sache befunden und konnte das reflektieren und einordnen. Es war ihm sehr unangenehm. Ich bin mir sicher, er hat alles unternommen, um in Abstand zu gehen zum System und Regime. Er hat mir nie etwas Positives dazu erzählt. Es war für ihn einfach eine Pflicht, der er gefolgt ist. Aber er wusste um die Folgen, die er mit verursacht hat.“ Kurz vor seinem Tod heuer hatte sein Vater noch Betrachtungen seines Lebens zu Papier gebracht, wo auch seine Ansichten zum Krieg nochmals zum Ausdruck kommen:
„Nach dem Arbeitsdienst musste ich im Frühjahr 1944 zur Deutschen Wehrmacht einrücken. […] Nach monatelangem Stellungskrieg gab es nach der großen Offensive der Russen (14.1.1945) an allen Frontabschnitten nur Rückzug […]. Dieser Zeitabschnitt war für unsere Einheit (5. Jägerdivision) in ihrer langen Geschichte (Polen, Frankreich und Russland) der schlimmste. […] Am 8.5.1945 um 14.30 Uhr war für uns das Ende des Krieges. Wir standen an der Ostseite der Elbe […] Nach langen Verhandlungen mit den an der Westseite liegenden Amerikanern waren diese bereit, uns als Gefangene zu übernehmen. […] Ende Oktober 1945 ging es per Bahn nach Mitterdorf im Mürztal, wo die endgültige Entlassung aus der Gefangenschaft erfolgte. Damit endete für uns eine Zeit mit Erlebnissen, die wir nicht wollten. Wir handelten nicht aus Begeisterung oder ‚Liebe zum Vaterland‘, sondern unter Zwang und ums Überleben. Ein Daneben gab es nicht.“
Sein Vater kam traumatisiert aus dem Krieg zurück. „Die Leiderfahrung war körperlich bei ihm sichtbar. Gefühle waren selten zugelassen und unerwünscht. Schwäche zu zeigen, das war gar nicht gefragt.“
Unvergessliche, traumatische Erinnerungen
Zur Frage, inwieweit ein Regime die eigene Bevölkerung manipulieren könne, meint Maryam, die den achtjährigen Krieg zwischen Iran und Irak als Kind in Teheran miterlebt hatte und in dem viele Kindersoldaten kämpften: „Wir Kinder waren überall der Propaganda und Manipulation ausgesetzt, etwa im Fernsehen und auf den Straßen, wo über große Lautsprecher dauernd Marschmusik gespielt wurde. Dazu kam die Propaganda in der Schule. Uns wurde gesagt, dass alle jetzt für die Heimat kämpfen müssten.“ Als Schülerinnen wurden sie aufgefordert, Briefe an unbekannte Soldaten zu schreiben. „Wir haben alle geschrieben, und sie haben geantwortet. Bis heute weiß ich nicht, ob die Briefe von unseren Religionslehrerinnen beantwortet wurden“, denn in den Briefen ging es vor allem darum, dass sie als Mädchen „brav“ sein und sich an die Regeln des Regimes halten sollten. „Ich habe durch den Krieg meine Kindheit verloren. Ich habe so viele schlimme Erinnerungen an damals. Sie haben zum Beispiel blutige Uniformen von verwunderten oder toten Soldaten zu den Moscheen gebracht, die sie dann an Familien zum Waschen weitergegeben haben. Zu den Kindern haben sie gesagt, sie sollen spielen, indem sie die Wäschestücke in den Bottichen treten. Eine Freundin von mir hat das als Kind jeden Tag gemacht. Ich erinnere mich immer noch an diesen Geruch nach altem Blut, der von diesem Waschwasser stammte. Das ist Krieg und etwas, das ich vergessen will aber nicht vergessen kann. Ich kann auch keine Uniformen und Fahnen mehr sehen.“
Nach dem Krieg seien aber auch berührende Ereignisse bekannt geworden, etwa von iranischen und irakischen Soldaten an der Frontlinie im Südirak, wo sie sich in Rufweite zueinander gegenüberstanden und sich fast schon freundschaftliche Begegnungen ergaben. Maryam: „Deswegen würde ich sagen, dass Soldaten in einem solchen Regime Mittäter aber zugleich auch Opfer sind.“
Vom „gerechtfertigtem“ Kampf und dem Zweifel am Pazifismus
In unserem sehr offenen Gespräch kommen vor allem Wolfgang und ich nun zu einem Thema, das uns sehr beschäftigt, da es viele unserer Überzeugungen ins Wanken gebracht hat:
Joachim: „Gibt es so etwas wie einen gerechten Krieg beziehungsweise inwiefern gibt es die Notwendigkeit einer bewaffneten Verteidigung, wie z.B. aktuell von Seite der Ukraine?“
Wolfgang: „Ich habe meine Haltung dazu verändert. Ich habe großes Verständnis für das Anliegen der Ukraine. Wenn ich daran denke: Meine drei Söhne haben alle Zivildienst gemacht. Aber wenn wir jetzt in der Ukraine wären, dann könnte ich es gutheißen, wenn sie zum Militär gehen und kämpfen. Ist das Konzept des Pazifismus nicht schon den Bach hinuntergegangen? Denn es ist naiv zu glauben, dass Putin (mittlerweile) mit Pazifismus begegnet werden könne.“
Joachim: „Aber was wäre, wenn der Mitteleinsatz für pazifistische Arbeit gleich hoch wäre wie die vielen Milliarden an Geldern, die für die Waffenproduktion ausgegeben werden? Würde der Pazifismus dann ebenfalls auf verlorenem Posten stehen?“ Wolfgang: „Ich war früher auch jemand, der sich für Frieden und zum Beispiel gegen Abfangjäger engagiert hat. Es war klar, wo ich stehe, aber mittlerweile bin ich mir maximal unsicher.“
Joachim: „Ich versuche das jetzt einmal zu relativieren. Es ist klar, dass zu diesem Krieg eine spezielle Beziehung aufgebaut wurde – weil der Krieg geografisch in unserer Nähe ist, wir uns mit dem angegriffenen Staat solidarisch zeigen und wir medial einer täglichen Berichterstattung ausgesetzt sind. Dennoch glaube ich, dass es auf der Welt kaum eine Woche in den letzten Jahrzehnten oder sogar Jahrhunderten ohne Krieg und Morden gegeben hat. Mit dem Balkankrieg gab übrigens erst vor nicht langer Zeit auch einen brutalen Krieg in unserer Nähe. Wie relativ die mediale Perspektive auf einen Konflikt ist, habe ich heuer bei einem Besuch in Istanbul gesehen. Im Hotel gab es einen englischsprachigen TV-Sender, der kaum über die Ukraine berichtete, aber dafür jeden Tag über den Krieg in Gaza. Und das auf eine ganz andere Art als etwa im ORF. Es wurden einzelne Opfer gezeigt und beim Namen genannt. Diese Individualisierung emotionalisiert um vieles mehr. So auch bei der heimischen Berichterstattung über den Ukraine-Krieg, wo dir genau der Ort gesagt wird, wo so und so viele Menschen in welchem Alter getötet wurden. Das ist ganz etwas anderes, als wenn nur eine geschätzte Opferzahl erwähnt wird.
Das alles im Hinterkopf, frage ich daher einmal provokant (auch mich selbst fragend): Wenn ein Pazifismus sogar eine Hitler-Diktatur, den Zweiten Weltkrieg, die Atombomben der USA und alle Kriege nach dem Zweiten Weltkrieg überleben konnte, warum sollte er dann jetzt sozusagen sterben? Warum sollte gerade der Ukrainekrieg eine so außergewöhnliche Rolle spielen, warum sollte das aktuelle Weltgeschehen so extraordinär sein, dass man ein so menschenwichtiges Konzept wie den Pazifismus gerade jetzt verwässert.“
Was macht einen „Helden“ aus?
Wir diskutieren in der Folge noch längere Zeit über den Ukrainekrieg und kommen auf die Frage zu sprechen, inwieweit auf Soldat:innen, die dort ihre Heimat verteidigen, der Begriff „Held“ bzw. „Heldin“ zutrifft.
Maryam: „Ein Held ist jemand, der für ein Ziel kämpft, egal ob er überlebt oder nicht. Das kann auch sein wenn man jemand rettet. Für mich sind Feuerwehrleute zum Beispiel Helden.“
Joachim: „Wir beschäftigen uns jetzt im Projekt mit ‚Heldendenkmälern‘. Wenn es um den Zweiten Weltkrieg geht, dann können viele akzeptieren, dass es kein Heldentum war, für die Nazis zu kämpfen (auch wenn es nicht wenige Denkmäler gibt, wo weiterhin den ‚Helden‘ des Zweiten Weltkriegs gedacht wird). Gänzlich unaufgearbeitet und unhinterfragt ist aber das ‚Heldentum‘ des Ersten Weltkriegs. Meiner Meinung nach ist die Bezeichnung ‚Held‘ wie ein Orden, eine ehrenvolle Zusatzbezeichnung. Jenen, deren Namen auf diesen Denkmälern von Kriegen stehen, würde ich nicht noch diesen Orden umhängen wollen, in dem ich sie unisono zu Helden erkläre. Nur eine Uniform in einem Krieg angehabt zu haben, in den viele gar nicht ziehen wollten, macht für mich kein Heldentum aus. Ich finde daher, dass der Begriff des ‚Heldens‘ ein ideologischer ist, auch schon im Ersten Weltkrieg. Der Ehrentitel ‚Held‘ ist für mich Teil einer Legitimation und Verschleierung eines massenhaften Tötens.“
Nach unserem langen intensiven und sehr aufwühlenden Gespräch mit Wolfgang Seereiter machen Maryam und ich uns auf zu unserem nächsten Ort.
Joachim Hainzl
[1] Vgl. https://www.gleisdorf.at/gedenkfeier-gegen-gewalt-und-rassismus_2827_galleries_757.htm.
[2] Vgl. https://www.generationendialog-steiermark.at/orte/gedenktafel-todesmarsch-1945/.
[3] Vgl. https://www.generationendialog-steiermark.at/orte/todesmarschmahnmal-praebichl/.
[4] Vgl. https://www.generationendialog-steiermark.at/orte/denkmal-ungarische-juden/.
[5] Vgl. https://www.meinbezirk.at/weiz/c-lokales/zukunft-braucht-erinnerung-gegen-das-vergessen_a7313799.
[6] Vgl. https://www.oekbst.at/verbaende/bv-weiz/stv-gleisdorf/chronik.
[7] Vgl. https://www.kunstost.at/2023/11/kost595_helden/ und https://www.kunstost.at/2023/08/kost570_held/.
[8] Vgl. https://www.kunstost.at/2024/04/kru39e_willi.
[9] Vgl. https://austria-forum.org/af/Kunst_und_Kultur/Volkskultur_und_Mythen/album052_helden und https://www.kunstost.at/2023/10/kru32g_totengedenken/.
[10] Vgl. https://www.bmlv.gv.at/organisation/regional/stmk/galerie.php?id=1778&currRubrik=184.
[11] Vgl. Abschrift der Namen: http://www.denkmalprojekt.org/2015/gleisdorf_bez-weiz_steiermark_wk1_oesterr.html.
[12] Das interessante Blatt, 11.10.1923, S. 6.
[13] „Ein weiteres Beispiel für eine nach Kriegsende neu gegründete Veteranenvereinigung ist der deutsch-völkisch geprägte Alpenländische Kriegsteilnehmerverband (AKV; gegründet 1919), der sich in Salzburg, Kärnten, Niederösterreich und der Steiermark ausbreitete und nur für Kriegsteilnehmer zugänglich war. Insgesamt umfasste er rund 150 Ortsgruppen mit ungefähr 18.000 Mitgliedern, wobei der Schwerpunkt in der Steiermark lag.295 Daneben wurde, ebenfalls 1919, der Kameradenbund gegründet. Dieser stand auch jenen, die nicht im Krieg gedient hatten, offen und engagierte sich stark bei kirchlichen Feierlichkeiten. Sowohl der Alpenländische Kriegsteilnehmerverband als auch der Kameradenbund errichteten Kriegerdenkmäler.“ (Florian Prattes, Der Österreichische Kameradschaftsbund und seine Rolle im kollektiven und individuellen Gedächtnis seiner Mitglieder. Diplomarbeit, Graz, 2009, S. 46)
[14] „Am 4. März 1933 wurde mit der Ausschaltung des Parlaments der Grundstein für das darauffolgend eingerichtete autoritäre Regime unter Bundeskanzler Engelbert Dollfuß gelegt. […] Der steirische Kameradenbund beschloss umgehend den Anschluss an die so genannte Vaterländische Front […]. Der steirische Kameradschafts-Landesbund, der neben dem Kameradenbund existierte, ging dagegen einen anderen Weg. Er lehnte den Beitritt zur Vaterländischen Front ab und wurde daraufhin durch die Sicherheitsdirektion für Steiermark für aufgelöst erklärt. Ebenso aufgelöst wurde der Alpenländische Kriegsteilnehmerverband. Stattdessen wurde im Sommer 1934 […] ein neuer Dachverband für die zersplitterten steirischen Verbände geschaffen. Diesem Landes-Kameradschafts- und Kriegerbund Steiermark sollten sich alle steirischen Ortsverbände anschließen, was auch viele davon taten.“ (Ebenda, S. 47)
[15] Vgl. Abschrift der Namen: http://www.denkmalprojekt.org/2015/gleisdorf_bez-weiz_steiermark_wk2_oesterr.html.
[16] Vgl. ÖKB Steiermark (Hg.), Mahnmale und Kriegerdenkmäler in Steiermark. Graz 2012, S. 677.
[17] Das kleine Volksblatt, 6.7.1952, S. 6. Vgl. auch Neue Zeit, 6.7.1952, S. 4.
[18] Vgl. https://hdgoe.at/wehrmachtsausstellung.


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