Im Rahmen unseres Projekts führen wir fotokünstlerische Interventionen bei den Denkmälern durch. Maryam Mohammadi, die als kleines Kind selbst einen mehrjährigen Krieg erlebt hat, hält dabei Zitate aus Feldpostbriefen.
In diesen Zitaten geht es um Männer, die ihre Gefühle und Emotionen äußern, die weit entfernt sind von dem, wie man sich „Helden“ vorstellt. Sie haben Heimweh, vermissen ihre Partnerinnen und die kleinen Freuden des Alltags in der Heimat. Sie sorgen sich um ihre Familien zu Hause und wünschen sich nichts sehnlicher, als dass der Krieg endlich zu Ende sei und sie in ihr Alltagsleben zurückkehren können.

Die Zitate haben wir aus drei Konvoluten von Feldpostbriefen aus dem Zweiten Weltkrieg entnommen, die Teil meiner in den letzten vier Jahrzehnten aufgebauten Sammlung „Recycled History“ sind.
Peppo und Rosalinde
Die 31 Briefe aus dem Nachlass, die an Rosalinde adressiert waren, fand ich in meiner Studienstadt Innsbruck in einer Wohnung im Jahr 1991, als ich zufällig sah, wie ihre Wohnung nach ihrem Tod geräumt wurde. Nach vier Briefen an ihren Freund Hansl folgten nur kurz danach ab Ende 1941 Briefe an Peppo aus Wien. Sie schienen bald miteinander verlobt zu sein und er schrieb ihr in den kommenden Jahren aus dem „Osten“, aus der Sowjetunion. Peppos Briefe sind für mich teilweise anstrengend zu lesen, da er sich sehr an seine Verlobte klammert, die er einem Engel gleich in Gedanken zu sich fliegen lässt.
Nur wenige Tage vor seinem geplanten Heimaturlaub, bei dem Peppo seine Verlobte Rosalinde heiraten wollte (die gemeinsame Wohnung in Wien war von seiner Familie schon vorbereitet), wurde seine Abreise Ende 1942 durch die Urlaubsperre verhindert, da die Deutsche Wehrmacht zu den schließlich kriegsentscheidenden Kämpfen in der Sowjetunion ansetzte. Rosalinde und die Familie von Peppo tauschten noch hoffnungsvolle Briefe über das unbekannte Schicksal von Peppo aus, zu einem Zeitpunkt, als er schon verstorben war. 1943 tauchen drei Briefe eines bayrischen Soldaten Edgar auf, mit dem Rosalinde in Innsbruck in engerem Austausch gestanden war.
Die Informationen über das Schicksal von Peppo finden sich schließlich in einem Brief eine ehemaligen Kameraden, der diesen 1946 an Peppos Familie schickte: „Ich bin Ihnen gewiß unbekannt, doch ich kannte Ihren Herrn Sohn Josef P. – genannt „Peppi“ – sehr gut, da wir drei Jahre zusammen beim Bau-Batl und beim Stabe waren. […] In unserem Batl. waren ja fast 50% Ostmärker bezw. Wiener. In einem Lager in Lybidian [Lebedjan]- etwa 150 km nordwestl. Woronesh traf ich ungefähr Mitte Februar 1943 Ihren Sohn als einzigen Angehörigen unserer Einheit. […] Leider wurde Peppi bald krank, kam in das sogen. Krankenrevier, ich folgte ihm aber auch bald dorthin. Hunger, mörderischer Hunger war unser ständiger Begleiter. Ihr Sohn wurde immer schwächer, schließlich brach Flecktyphus im Lager aus, suchte und fand unter den geschwächten Körpern reichlich Opfer. Und so muss ich Ihnen, sehr geehrte Familie P., dann die traurige Mitteilung machen, dass auch Peppi ein Opfer wurde und am 26.März 1943 gestorben ist. […] In seinem Besitz befanden sich: ein kl. Brieftäschchen mit einigen Fotos, u.a. von den Eltern, Frl. Braut aus Innsbruck, etwa 250.–Rmk und ein relig. Medaillon. […] Es ist besonders tragisch, da doch Ihr Herr Sohn, wie mir bekannt ist, im Januar 1943 heiraten wollte und nur durch die Urlaubssperre daran gehindert wurde.“
Fritz und Beppina
In einem Grazer Altpapiercontainer fand ich bereits vor Jahrzehnten den Nachlass des ehemaligen Möbelhändlers Fritz U., der mit der aus einer in Graz alteingesessenen italienischen Familie stammenden Peppina verheiratet war und zwei Söhne hatte. Es sind insgesamt 371 erhaltene Briefe (inkl. vieler Kuverts) und Postkarten, die Fritz an seine Frau, seine Eltern und seine Söhne schrieb. Sie zeichnen seinen Weg nach, der ihn über Deutschland nach Belgien (vermutlich Antwerpen) brachte.
Aufgrund der vorrückenden Front wurde er im November 1944 in das slowakische Podhradie verlegt. Da er in Belgien und auch in der Slowakei in der Schreibstube tätig war, sind viele seiner Briefe mit der Schreibmaschine geschrieben. In vielen Briefen äußert er seine Sorge um seine Familie in Graz, der er vergeblich rät, die Stadt zu verlassen. Und tatsächlich wird das Haus der Familie in Graz durch Bomben schwer geschädigt. Als sein älterer Sohn auch noch nach Radkersburg kommt, und dort bei den Abwehrarbeiten eingesetzt wird, ist er krank vor Sorge.
Sein letzter Brief stammt vom 26. März 1945, in dem er von Kämpfen berichtet. Als offizielles Datum seines Status als Vermisster wird offiziell der 5. April 1945 angegeben. Bis heute sind sein genaueres Schicksal und seine Grabstätte unbekannt.

Karl und Christl
Auf dem Grazer Flohmarkt in der Fröhlichgasse fand ich ebenfalls vor Jahrzehnten ein großes Konvolut von Feldpostbriefen, das von einem Händler einfach weggeschmissen wurde.
Die insgesamt 416 erhalten gebliebenen Briefe (inkl. vieler Kuverts) und Postkarten sind aus mehreren Gründen sehr interessant. Denn Anfang August 1942 bekam die in Wildon lebende Christine F. von einer Nachbarin, den Brief eines unbekannten Frontsoldaten überreicht. Karl hatte ihre Adresse von seinem Postenkommandanten bekommen, da er erwähnt hatte, dass er „gerne mit einem unbekannten Mädel in Briefwechsel treten möchte“. Der Innsbrucker Karl K. war am 21.5.1916 geboren und von Beruf Elektromonteur. Zu Beginn des Briefwechsels war die im April 1922 geborene Christine 20 Jahre alt und lebte mit ihrer Mutter in einem eigenen kleinen Häuschen. Zuerst durfte ihre Mutter vom Briefwechsel nichts wissen, doch bald wurde dies eingeweiht und schließlich heirateten Christl und Karl 1943 in Wildon. Selten kommt es vor, dass wie hier auch rund 50 an Karl adressierte Briefe von Christl erhalten blieben, die er bei Heimaturlauben mitbrachte und die so die Geschichte der beiden Perspektiven beleuchten. Seine Briefe schrieb er ihr aus dem „Südosten“, nach eigener Beschreibung ca. 80 km von Zagreb und 17 km von Novska entfernt.
Seine Beschreibungen sind oft in einem „witzigen“, ironischen Ton verfasst, auch dann noch, wenn er etwa über Partisanenangriffe oder einen erhängten Schwarzhändler berichtet. Als es zu den ersten Bombardements, auch der Bahnlinie bei Wildon kommt, ist sin Schreibstil jedoch plötzlich voller Besorgnis.
Was Karls Briefe ebenfalls besonders macht, sind rund 50 erhalten gebliebene gepresste Blumenblüten (rund 40 weitere gingen im Laufe der Jahre wohl verloren) als Teil der Briefe sowie über 32 bunte gemalte Blumen in den Wintermonaten.
Bis vor kurzem dachte ich, dass es für Karl (der im Frühjahr 1945 über den geplanten Rückzug schrieb) und Christl ein „Happyend“ gegeben hätte. Bei einer Suche auf der Seite des Deutschen Volksbunds, fand ich jedoch schließlich den Eintrag, dass Karl K. am 9. Februar 1945 im kroatischen Banova-Jaruga umgekommen ist, nur drei Tage nachdem er den letzten Brief an seine Frau Christl geschrieben hatte. Er liegt am Zagreber Friedhof Mirogoj begraben, in Parzelle 82 / Feld 5 / Reihe 26 / Grab 551.

Joachim Hainzl

